In den frühen 70-er Jahren schafft der große amerikanische Maler
Cy Twombly einen Bilderzyklus mit dem Titel „Treatise on the Veil“ – es entstehen
zahlreiche Skizzen zu diesem Thema und zwei Hauptwerke.
Mein eigener „Treatise“-Zyklus bezieht sich direkt auf diese Serie von Arbeiten
und ist gleichzeitig eine Hommage an den von mir sehr verehrten Künstler,
dessen Arbeit mir besonders in den letzten Jahren wichtige Impulse für
die Strukturbildung in meinem Komponieren vermittelt hat.
„Veil“ bedeutet Schleier – ein Begriff, der, wenn auf ein akustisches oder
visuelles Ereignis angewendet, verschiedene Assoziationen mit sich führt,
die beim Hören dieser Musik ausdrücklich erwünscht sind. Bei Cy
Twombly ist der Schleier aber auch eine Ableitung des italienischen „velo“,
einem von Leonardo da Vinci entwickelten Zeicheninstrument zur Erfassung und
Analyse der Perspektive.Und so thematisiert mein musikalischer Diskurs Versuche über
die perspektivische
Linie.
Ich versuche, durch verschiedene, mehrschichtige Kompositions- und Spieltechniken
eben diese Allusion von perspektivischen, sich kreuzenden und dialogisierenden
Linien herzustellen. Gezogene Töne („Linien“) scheinen wie die gezeichnete
Linie auf einem Untergrund zusätzliche Dimensionen von Räumlichkeit
zu entwickeln, werden hör-perspektivisch ausgerichtet.
Prozesse von Verschleierung/Entschleierung
werden u. A. auch durch Präparation
der Instrumente erzielt, die das eigentliche klingende Resultat der Artikulation
aufbrechen und in einer „anderen Qualität“ erscheinen lassen.
Manchmal wünsche ich mir, wie ein Zeichner direkt in den Klang der Instrumente „hineinschreiben“ zu
können...
„Study I for Treatise on the Veil“ ist den beiden Interpreten der Uraufführung
herzlich gewidmet: Frank-Peter Zimmermann und Heinrich Schiff.
Matthias Pintscher
Mai 2005
