Beste Freunde | Rezension Neumarkter Nachrichten
In Neumarkt traten beide erstmals 2018 gemeinsam auf: zwei Stars der französischen Klassikszene, die ihre 30-jährige Zusammenarbeit im Reitstadel feiern.
Ein Potpourri für beste Freunde
Cello und Klavier: Jean-Guihen Queyras und Alexandre Tharaud mit buntem Programm im Reitstadel.Das erste Mal unter Null diesen Herbst in Neumarkt. Aber herzliche Wärme bei den »Konzertfreunden«, die französische Freunde nach sieben Jahren erneut begrüßen: Jean-Guihen Queyras und Alexandre Tharaud, zwei schlanke und prima vista junge Herren aus der Pariser Elite nicht nur der Kammermusik.
Die brachten nette Komplimente für Saal und Publikum mit und für den Reitstadel eine deutsche Erstaufführung: »Jean Wiéner«, das klingt zwar überhaupt nicht französisch, und die Lebensdaten des Komponisten und Pianisten (1896-1982) signalisieren, dass Wiéner schon lange vergessen war. Ob es nun seine Sonate »Sans Nom« oder »Démodée« war, die Queyras und Tharaus entdeckt hatten, klassisch anmutende Sonaten standen nicht im Mittelpunkt seiner Arbeit. Sondern unendlich viel Filmmusik mit so verführerischen Titeln wie »The Perfume of the Lady in Black«.
Wiéner und seine Musik haben keine Spuren in Wien, sondern waren manchmal blanker Broterwerb in der Filmindustrie, waren aber auch Bar-Musik zu einem Neuilly-Prat-Cocktail und mit dem entsprechenden Flair. Die Sonate des Konzerts besteht aus einem ausgedehnten Cello-Solo, auch einer gedankenverlorenen »Rêverie«, verbreitet einen Satz später gute Laune und zeigt Wiéner und seine Interpreten als Chansonniers der Kammermusik, einen heftigen Piano-Donnerschlag inklusive. Unverkennbar französisch ist das alles, besonders Alexandre Tharaud kann sich mit dieser Musik identifizieren, und der Applaus passte haargenau dazu.
Auch die Erinnerung an den Widmungsträger Mstislav Rostropowitsch: keine Ahnung, ob der weltberühmte Cellist Wiéner selbst gespielt hat, denkbar wäre es. Aber auch er hat eine Neumarkter Beziehung und Vergangenheit: mit einem denkwürdigen Konzert, dem die Besichtigung der Firma Pfleiderer vorausging. Denn wenn der Cello-Meister eines liebte, war es Holz, das Material, den Geruch, das Handwerk. Alles das konnte Ernst-Herbert Pfleiderer ihm bieten - auch einen gut ausgestatteten Weinkeller. Jean-Guihen Queyras findet für das Stück jedenfalls den passenden Burgunder-Duft und russisch-tolstoische »Sommergäste«-Elegie. Damit war denn auch die künstlerische Spannweite des Cellisten Queyras weit ausgekostet.
Zuvor auch durch die Interpretation von Johannes Brahms‘ Cellosonate Nr. 1: erwartbare Renaissance romantischer Salonmusik, emotional zwischen leiser Innerlichkeit und heftigem Auftrumpfen, alles in bestens schattierter Parallelität mit Tharauds Klavier. Das hört man keineswegs überhitzt, aber in einer überzeugenden Sprachlichkeit, für die der Pianist auch eine passende Spur Herbheit findet. Auch begreiflich macht, was später ein Arnold Schönberg an Brahms gefunden hat.
Ein »ungewöhnliches Programm« hatte Jean-Guihen Queyras in seiner liebenswürdigen Conférence dem Publikum versprochen, meinte damit das Potpourri von 13 Stücken und acht Komponisten, ein Menu im Sternebereich, und wie bei Spitzenköchen fragte man sich: Was kann man diesem Gewürzgetüpfel aus dem Kräutergarten der Musikgeschichte entnehmen - ging es um die Dignität von Bach, Berg und Brahms oder um die Qualität von Queyras/Tharaud? Um beides sicher bei der berühmten aphoristischen Kürze von Alban Bergs op. 5, einem Markenzeichen der »Neuen Wiener Schule«, kurz und aussagekräftig komprimiert und mit einer frappierenden Übereinstimmung der beiden Musiker, die am Anfang des Abends manchmal verbesserbar war.
»Encores« heißen solche Programme (oft auf CD): ein Sonatensatz oder Einsätziges, was man sonst als Zugabe spielt und was dafür eigentlich zu schade ist. Jedenfalls ließen die beiden Solisten (»beste Freunde«) Aufregendes, Spannendes, schlichtweg Schönes attacca aufeinander folgen. Dass sie alles von Barock bis Britten »können«, stand ohnehin außer Frage, sicher gab es musikologische Zusammenhänge und am Ende das Problem: Was spielt man nach diesem Bündel von Zugaben für eine Zugabe? Es gab tatsächlich eine: Gabriel Faurés »Après un rêve«.
Also sind Queyras und Tharaud doch Romantiker, und träumen sie seit ihrer 30-jährigen Zusammenarbeit nur vom Reitstadel? Jetzt jedenfalls gab es eine charmante und weitgehend stilsichere Geburtstagsfeier. Herrlich, wie die beiden die »Ungarischen Tänze« von Brahms auf Französisch buchstabiert haben.
Nächster Termin der »Konzertfreunde« am 1. Dezember: Das Sonderkonzert »Gelosia« mit dem französischen Countertenor Philippe Jaroussky ist ausverkauft, Rückgabekarten an der Abendkasse.
Dieser Artikel von Uwe Mitsching ist am Donnerstag, den 20. November 2025 in den Neumarkter Nachrichten erschienen.

