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Ein Jahrhundert des Klangs

György Kurtág wird 100 – und Neumarkt darf sich erinnern: Der bedeutendste lebende Komponist Ungarns war zu Gast im Historischen Reitstadel.

Ein Jahrhundert des Klangs

Rückblick auf einen besonderen Konzertabend in Neumarkt

Es gibt Konzertabende, die sich ins kollektive Gedächtnis einer Stadt einschreiben. Der 22. September 2005 war ein solcher Abend für Neumarkt in der Oberpfalz. Im Historischen Reitstadel saßen an diesem Donnerstagabend György Kurtág und seine Frau Márta am Steinway – und das Publikum erlebte nicht nur ein Konzert, sondern eine Begegnung mit einem der außergewöhnlichsten Tonschöpfer des 20. und 21. Jahrhunderts. Anlässlich seines 100. Geburtstags am 19. Februar 2026 ist es Zeit, an diesen besonderen Abend zu erinnern – und an eine Aufnahme, die im Reitstadel entstand und Musikgeschichte schrieb. 

Márta und György Kurtág auf der Bühne des Reitstadels
Márta und György Kurtág auf der Bühne des Reitstadels

Der Abend im Reitstadel

Die Neumarkter Konzertfreunde hatten für ihre Jubiläumssaison 2005/2006 – die 25. Saison – ein Programm von besonderer Spannweite zusammengestellt. Das zweite Konzert der Reihe war ein Ereignis von außergewöhnlichem Format: »Hommage à György Kurtág« stand über dem Abend, der dem damals 79-jährigen Komponisten gewidmet war. György und Márta Kurtág – seit 1947 verheiratet und bis zum Tod Mártas im Jahr 2019 gemeinsam auf den Konzertbühnen Europas zu erleben – spielten vierhändige Klavierwerke aus den »Játékok« (Spielen), jenen musikalischen Tagebüchern, die Kurtág seit 1973 schreibt, sowie Bach-Transkriptionen. 

In der zweiten Programmhälfte traten die Sopranistin Juliane Banse und der Geiger András Keller hinzu, um Kurtágs »Kafka-Fragmente« für Sopran und Violine op. 24 aufzuführen – das Hauptwerk seines Kammermusikschaffens. 

Die Mittelbayerische Zeitung beschrieb in ihrer Konzertkritik vom 24/25. September 2005 unter dem Titel »Zänkisches Fechten in dichter, kleiner Form«, wie der Komponist vor dem Konzert auf dem Klavierhocker Platz genommen hatte und den Schlägen der Stadtkirchenglocken lauschte die in den Saal drangen: Der Komponist »wiegt irgendwann Kurtágs Klang in der Hand, hält ihn über das Verklingen hinaus, formt ihn weiter und wandelt ihn zum ersten Ton« der vierhändigen Klavierwerke. Ein Bild, das die Einzigartigkeit dieser Musik auf den Punkt bringt: Kurtágs Stücke, schrieb der Kritiker Thomas Vitzthum, dauern oft nur wenige Sekunden, »allenfalls wenige Minuten, sie wiegen sich in Klängen. Und was sich in ihnen ereignet, bleibt auch nach dem Verklingen präsent.« 

Die Nürnberger Zeitung titelte »Keine Angst vor Abgründen« und erkannte in dem Abend eine »Lehrstunde in Sachen Avantgarde«, die das Ehepaar Kurtág mit »leidenschaftlicher Interpretationskunst« und »souveräner, demiurgischer Gestaltung« dargeboten hatte. Der Rezensent Egon Bezold beschrieb die Kafka-Fragmente als das »Hauptwerk des Abends«: Mit gut fünfzig Minuten Dauer ragen sie »in punkto Länge aus Kurtágs Werkregister heraus. 40 Fragmente, manche auch in Minidramen gefasst, zusammengestellt aus Kafkas Tagebüchern und Briefen, reflektieren Selbstbeobachtungen, seismografieren seelische Zustände. Wie in einem imaginären Musiktheater agieren Stimme und Violine als Darsteller.« Auch die Nürnberger Nachrichten bestätigten die außerordentliche Qualität des Abends: Juliane Banse und András Keller hätten »diese Authentizität« der Kafka-Fragmente mit »geradezu kabarettistischer Verve, sprachgestischer Treffsicherheit und in traumwandlerisch sicherer Intonation« aufgegriffen. Aus den oft kaum minutenlangen Stücken entstanden »opernhafte Szenen in einer nuancierten szenisch-gestisch-mimischen Vergegenwärtigung bis zu den virtuosen Tonkaskaden des Schlusses«. 

Kafka und Kurtág – eine Wahlverwandtschaft

Was verbindet einen Prager Schriftsteller des frühen 20. Jahrhunderts mit einem ungarischen Komponisten der Gegenwart? Es ist die gemeinsame Ästhetik des Fragments, der komprimierten Aussage, des beredten Schweigens. Friedrich Spangemacher schrieb im Programmheft des Neumarkter Konzerts über Kurtágs Arbeit an den Texten: »Er stoppt den Fluss des Geschriebenen, hält inne, konzentriert sich quasi auf die Bausteine der Sprache und zielt wie mit einem imaginären Vergrößerungsglas auf deren verborgene Qualitäten.« Kurtág entnahm für seinen Zyklus 38 oft nur wenige Worte umfassende Fragmente vor allem den Tagebücher n Kafkas sowie der späteren Version seiner Erzählung »Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande«. Ein einzelnes Fragment stammt von Elias Canetti. Die Leitmetapher des Werkes formuliert Kafka selbst: »Es gibt ein Ziel, aber keinen Weg; was wir Weg nennen, ist Zögern.« Die Kafka-Fragmente entstanden in den Jahren 1985/86 und sind der Psychologin Marianne Stein gewidmet – jener Frau in Paris, die Kurtág nach dem Ungarnaufstand von 1956 aus seiner tiefsten Schaffenskrise herausgeführt hatte, indem sie ihn zum Komponieren in kleinen Formen anleitete. Es ist eine der berührenden Ironien der Musikgeschichte, dass das Werk, das Kurtágs Weg in die Weltöffentlichkeit ebnete, in seiner Entstehung ebenjener therapeutischen Erkenntnis verdankt, die sein gesamtes OEuvre prägen sollte: die Konzentration auf das Essenzielle, auf den einzelnen Ton, den einzelnen Augenblick. 

»Meine Muttersprache ist Bartók, und Bartóks Muttersprache war Beethoven.«
György Kurtág

Was das Konzert vom 22. September 2005 über den Abend selbst hinaus zu einem Ereignis von bleibender Bedeutung macht, ist eine Tatsache, die im Saison-Programmheft der Neumarkter Konzertfreunde vermerkt wurde: »Die Kafka-Fragmente werden zeitgleich im Reitstadel auf CD eingespielt. Sie sollen zum 80. Geburtstag von György Kurtág im Februar 2006 erscheinen (ECM New Series).« So geschah es: In den Septembertagen 2005 entstand im Historischen Reitstadel zu Neumarkt unter Mitwirkung des Komponisten eine Studioaufnahme der Kafka-Fragmente, die Juliane Banse (Sopran) und András Keller (Violine) interpretierten. György Kurtág selbst war während der gesamten Einspielung anwesend.

 Die Aufnahme wurde von Peter Laenger für ECM produziert und erschien im Februar 2006 als ECM New Series 1965. Das Label ECM – für seine höchsten Ansprüche an Klangtreue und Repertoire weltweit gerühmt – wählte den Reitstadel nicht zufällig. Der historische Saal, einst für seine außerordentliche Akustik bekannt, hat sich über die Jahrzehnte auch als Aufnahmeort für bedeutende Kammermusikproduktionen bewährt. Die resultierende Aufnahme wurde von der internationalen Fachpresse mit größter Anerkennung aufgenommen. Der Guardian bezeichnete die CD als ein stilles Meisterwerk von Reichtum und emotionaler Kraft. Das Rondo-Magazin würdigte die Einspielung als herausragende Referenzaufnahme des Werkes. Für die Neumarkter Konzertfreunde bedeutet diese Aufnahme mehr als ein kulturelles Dokument: Sie ist der Beweis, dass der Historische Reitstadel nicht nur Aufführungsort für Weltklasse-Kammermusik ist, sondern auch Ort, an dem Weltklasse entsteht – wo das Klanggedächtnis einer Stunde in die Ewigkeit einer Einspielung übergeht. 

Ein Komponist jenseits aller Schulen

György Kurtág wurde am 19. Februar 1926 im rumänischen Lugoj geboren. Er überquerte nach dem Zweiten Weltkrieg illegal die Grenze nach Ungarn und studierte Komposition an der Musikakademie Budapest bei Sándor Veress. Den Ungarnaufstand von 1956 erlebte er als doppelte Erschütterung – politisch wie künstlerisch. In Paris fand er über die Psychologin Marianne Stein zurück zum Komponieren, besuchte Kurse bei Messiaen und Milhaud und erlebte auf der Rückreise in Köln Stockhausens elektronische Kompositionen. Diese Jahre formten ihn zum Meister der kleinen Form: Fragmente, Bagatellen, Mikroludien, Spiele, Momente, Zeichen, Splitter – in diesen »Gattungen« bewegt er sich seither mit unverwechselbarer Handschrift. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb anlässlich seines 100. Geburtstags, Kurtág habe »jenen Platz in der Geschichte der zeitgenössischen Musik« eingenommen, »den er seit dem Tod seiner Freunde und Kollegen György Ligeti und Péter Eötvös unangefochten einnimmt: die Position des größten lebenden Komponisten Ungarns.« Ligeti selbst bezeichnete Kurtágs Musik als »zerklüftete Bruchstücke« – eine Charakterisierung, die das Wesen dieser Kunst auf den Punkt bringt: bruchstückhaft und doch von innerer Vollständigkeit, klein und doch von kosmischer Weite. Kein Komponist der Gegenwart lässt sich so schwer in eine Schule oder Stilrichtung einordnen wie Kurtág. Peter Eötvös, der das Konzert in Neumarkt mit einem Zitat im Programmheft begleitete, brachte es auf den Punkt: »Die Unbedingtheit, die glühende Intensität seiner Werke erinnern mich an van Gogh und Dostojewski. [...] Die musikalische Sprache und Schreibweise von György Kurtág ist so eigenständig, dass, wer seine Werke zum Klingen bringen will, ‚kurtagisch' sprechen können muss. Das bedeutet aber auch ‚bartókisch', ‚albanbergisch', ‚beethovensch'...« Diese Synthese aus Tradition und radikaler Erneuerung macht Kurtágs Musik zu einem der faszinierendsten Phänomene der Gegenwartsmusik. 

Hundert Jahre – und ein letztes Werk

Zum 100. Geburtstag richtete das Budapest Music Center in Verbindung mit dem Palast der Künstler (Müpa) und der Franz-Liszt-Akademie ein zweiwöchiges Festival aus, das Kurtágs Gesamtwerk in den Zusammenhang der europäischen Musiktradition stellte – mit Bezügen zu Bartók, Schubert, Schumann und Bach. Den Höhepunkt bildete die Uraufführung seiner zweiten Oper »Die Stechardin« nach Georg Christoph Lichtenberg, auf ein Libretto von Christoph Hein. Das halbstündige Monodrama für Sopran und Orchester – mit der Sopranistin Maria Husmann und dem Concerto Budapest unter der Leitung von András Keller, dem Geiger aus dem Neumarkter Konzert von 2005 – wurde von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung als »seltener Glücksfall vitaler Musikgeschichte« bezeichnet. In der gedruckten Partitur der Oper findet sich auf der letzten Seite eine autographe Widmung Kurtágs auf Ungarisch: »Für Márta. Ich komme. Ich komme zu dir.« Márta Kurtág war 2019 gestorben – ein Jahr nach der Mailander Scala-Uraufführung von Kurtágs erster Oper »Fin de partie« nach Beckett, die das Ehepaar im Radio in Budapest verfolgt hatte, weil sie die beschwerliche Reise zur Premiere nicht mehr unternehmen konnten. 72 Jahre waren sie miteinander verheiratet gewesen. Nach Mártas Tod verstummte der Komponist für lange Zeit. Als Kurtág am Ende der Uraufführung von »Die Stechardin« im Rollstuhl auf die Bühne geschoben wurde, brandete Beifall im voll besetzten Saal auf. Kurtág nahm ihn hellwach und schweigsam entgegen – ganz so, wie er auch jenen Abend im Reitstadel von Neumarkt erlebt haben mochte: als ein Mensch, der weiß, dass das Wesentliche in der Musik gesagt ist, und der keine weiteren Worte benötigt. 

Das Weltklasse-Erbe des Reitstadels

Wer die ECM-CD der Kafka-Fragmente heute auflegt, hört nicht nur Kurtágs Musik, nicht nur Juliane Banses Stimme und András Kellers Violine. Er hört auch den Reitstadel – jenen Raum, in dem all dies möglich wurde. Eine Aufnahme, entstanden in Neumarkt. Eine Aufnahme für die Ewigkeit. 

KURTÁG Bei den Neumarkter Konzertfreunden

10. November 1997 

Keller Quartett, Zoltán Kocsis (Klavier) 

»Officium Breve in memoriam Andreae Szervánsky« für Streichquartett op. 28 

 

22. September 2005 

György Kurtág & Márta Kurtág (Klavier), Juliane Banse (Sopran), András Keller (Violine) Játékok – Spiele für Klavier (vierhändig)

Bach- Transkriptionen | »Kafka-Fragmente« für Sopran und Violine op. 24 

 

6. Dezember 2019 

Camerata Bern, Patricia Kopatchinskaja (Violine & Leitung), Anna Prohaska (Sopran) »Maria Mater Meretrix« (u. a. Werke von Kurtág) 

 

7. Dezmber 2019 

Patricia Kopatchinskaja (Violine Solo), Museum Lothar Fischer 

Werke u. a. von Kurtág, Scelsi, Enescu, Boulez, Bach (Solo-Recital)