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Geniestreiche | Rezension Neumarkter Nachrichten

Begeisternder Einstand im Reitstadel: Aufbrausende Tempi und dynamische Feinheiten meisterte das Barbican Streichquartett bravourös.

Ein Abend mit der Königsklasse

PREMIERE Das Barbican-Quartett überzeugt im Reitstadel mit Haydn, Szymanowski, Mendelssohn und Clarke.

»Haben wir schon in London gehört« oder in »Blaibach« und »München« – je mehr Leute man im ausverkauften Reitstadel fragt, desto klarer wurde: Das »Barbican Quartet« war weltweit schon überall, das Debüt in Neumarkt war überfällig. Und bei den »Konzertfreunden« schon deshalb, weil der Künstlerische Leiter, Ernst-Herbert Pfleiderer, findet, dass die Sparte »Streichquartett« die »Königsklasse« der Kammermusik ist.

Und als das international besetzte Quartett die ersten Takte Haydn (op. 20/2) angenehm und mit fülligem Ton von Viola und Cello (Christoph Slenczka und Yoanna Prodanova) begonnen hatte, war das schon so überzeugend wie der ganze Abend danach. Besonders der Bratscher blieb der Sympathieträger über lange Strecken hinweg und der dominierende Gestalter. Aber auch bei den beiden Geigerinnen Amarins Wierdsma und Kate Maloney konnte man allein schon an den Mienen ablesen, welche Konzentration da im Spiel war und welche Inhalte sie bei Haydn vermitteln wollten.

Besonders im Adagio, in der Gegensätzlichkeit der dynamischen Nuancen: Alle vier Musiker spiegelten eine erregte Diskussion, was geradezu eine Spezialität des Barbican Quartets ist: in den Melodiebögen, den dynamischen Feinheiten, den aufbrausenden Tempi – alles präzise musikalischen Typen zugeordnet. Natürlich blieb besonders in diesem Adagio viel gestalterischer Freiraum, um mehr als eine Eszterhazy-Soirée in Schloss Eisenstadt darzustellen: mit vergnüglichen Aspekten und einem Panorama des Möglichen vom Anfang der Streichquartett-Epoche, alles temperamentvoll ausgetüftelt.

 

Die Musikerinnen (...) stürzen sich in aufwühlende Gefühle, in die immer neu aufsteigende Emotionslava.

Wie weit man Quartettkünste treiben kann (abgesehen von der ganz »neuen« Musik, etwa bei Aribert Reimann), zeigte das Barbican-Quartett bei Karol Szymanovski und zweihundert Jahre später (op. 56). Hier gelang das Ausloten der Möglichkeiten des Zusammenspiels noch extremer, noch deutlicher, besonders in den neoromantischen Mysterien, die der polnische Komponist da ausbreitet. Die Musikerinnen beschränken sich nicht auf einen Small Talk im Rokokosalon, sondern stürzen sich in aufwühlende Gefühle, in die immer neu aufsteigende Emotionslava. Durch Schlünde und Schlote dieses Musikvulkans bricht sie nach oben: ganz schön erschöpfend für die vier Streicher, begeisternd für das Publikum.

Dagegen fängt Felix Mendelssohn Bartholdys op. 13 wie ein romantisches Märchen von Wilhelm Hauff an. Leise, keineswegs verstörend – aber dann stürmt es wie eine Räuberhorde durch den Spessart. Da musste das Barbican-Quartett zeigen, welche Farben es zaubern kann, welche Wildheiten: geradezu hollywoodesk. Das war überraschend neu für das Publikum dieser Zeit und ist äußerst unterhaltsam für das von heute: eine Räuberpistole auf höchstem Kunstniveau.

Zudem entdeckt man in der Wiedergabe auch andere fesselnde Einzelheiten, Spuren italienischen Temperaments, leise Sommernachtsträume wie im Trio des Menuetts. So fühlte man sich geradezu an der Hand genommen beim Entdecken von allem, was Kammermusik damals konnte: auch noch altmodisches Biedermeier wie im Intermezzo. Die letzten Takte bringen eine Rückkehr in den romantischen deutschen Wald, aber auch eine Enttäuschung. Der war schon der Industrialisierung zum Opfer gefallen.

Wie immer interessant: die weibliche Entdeckung des Konzerts. Das war diesmal Rebecca Clarke (1886-1979), keine Suffragette, sondern eine typische Vertreterin des Edwardian Age. Während die Herren dicke Zigaretten rauchen und im Club sitzen, sind das innovativ gesonnene Frauen auf Gebieten, die bisher verschwiegen worden waren: auch als Komponistinnen. Ms Clarke war dem Ziel einer subtilen Porträtkunst schon weit nahegekommen, komponierte mit Ecken und Kanten und fordert in ihren beiden Streichquartettsätzen von 1924 die lustvolle Charakterisierungskunst des Barbican-Quartetts heraus.

Dieser Artikel von Uwe Mitsching ist am 27. Februar 2026 in den Neumarkter Nachrichten erschienen.