Geniestreiche | Vorbericht Neumarkter Nachrichten
Das Barbican Quartet spielt drei Jahrhunderte Streichquartett von Joseph Haydn über Karol Szymankowski und Felix Mendelssohn Bartholdy bis hin zu der wichtigsten englischen Komponistin der Zwischenkriegszeit Rebecca Clarke.
Aus London nach Neumarkt
Wenn sich ein Streichquartett nach dem Londoner Musikzentrum Barbican mit seinen Konzertsälen, Theatern bis in den Pit-Keller hinunter und einer Menge von Wohnungen benennt, darf man schon mal fragen, warum Amarins Wierdsma, Kate Maloney, Christoph Slenczka und Yoanna Prodanova diesen Namen gewählt haben – als erstes Stück Rüstzeug für das Publikum und für den Abend bei den Neumarkter Konzertfreunden am kommenden Mittwoch, 25. Februar, im Reitstadel.
Nach dem Abschied von der Cappella Andrea Barca im Januar, ist das jetzt die Vorstellung eines jungen Quartetts, das 2022 den ARD-Wettbewerb gewonnen und in München sämtliche Sonderpreise abgeräumt hat, das vor gut zehn Jahren in London gegründet wurde: das Barbican Quartet.
Barbican – das war einst ein römischer Wachturm im antiken London, das war später das Gelände für die Lumpensammler und Schneiderinnen, das wurde im Zweiten Weltkrieg im »Blitz« vollständig zerstört und bis 1982 als Verbindung von städtischer Wohnkultur und Landschaftsgärtnerei völlig neu konzipiert, für die Bewohner bis in die Einrichtung und das Geschirr hinein geplant: eines der Wunder der modernen Welt – dennoch bis heute umstritten. Am wenigsten wohl wegen seiner kulturellen Einrichtungen.
Auch eigene Erinnerungen sind zwiespältig: die Anfahrt mit der Metropolitan-Line, dann das Gewirr von üppig bewachsenen Innenhöfen und Balkonen, irgendwann dann doch das Foyer zum zentralen Konzertsaal und das London Symphony Orchestra.
Diese Erinnerungen passen bestens zum musikalischen Konzept des Barbican Quartet, denn das umfasst bei seinen Konzerten immer ein breit gefächertes Repertoire aus verschiedenen Epochen und Stilrichtungen, da spielen die vier Musikerinnen und Musiker auf Instrumenten aus der Barockzeit bis zur Gegenwart, und ihre erste CD ist nicht nur einem einzelnen Komponisten gewidmet, sondern heißt »Manifesto on Love«.
Aber natürlich liebt ein Streichquartett zuallererst Joseph Haydn, denn der hat diese musikalische Form quasi erfunden, entwickelt und hat die neue Form durch riesige Quartettgruppen dekliniert: russische, preußische Quartette oder nach Gönnern benannt.
In Neumarkt spielt das Barbican Quartet das Stück in C-Dur Hob. III: 32 op. 20/2 aus der Reihe der sechs Sonnenquartette von 1772. Da hat Haydn das Muster des späteren klassischen Streichquartetts verwirklicht, mit der Satzfolge, die man von da an kennt und die zu den bekannten Spannungsfolgen führt – dazu mit Rückgriffen auf barocke Traditionen.
Haydn war sich selbst des Neuigkeitswerts seiner Stücke von op. 20 bewusst. Sinnvoller Anschluss danach mit Karol Szymanowski und seinem Quartett Nr. 2 auf dem Weg durch die Spätphase von Spätromantik oder Impressionismus, durch polnische Folklore und östliche Anregungen. Oder am Ende des Abends mit Felix Mendelssohn Bartholdys früherem Streichquartett op. 13: eines seiner ersten Meisterwerke mit anregenden melodischen Kerngedanken und solchen bekannten Sätzen wie der Canzonetta.
Ein Name, nach dem man erst suchen muss und mitten im Konzert: Rebecca Clarke. Sie war die wichtigste englische Komponistin der Zwischenkriegszeit, als komponierende Frau eine Sensation, aber doch selbst immer gehemmt durch die Doppelrolle von Musikerin – die erste Frau in einem Londoner Orchester –, Komponistin, Haus- und Ehefrau. Immerhin hat sie trotzdem 80 Werke komponiert – und ein Klavierquartett hat sie auch gegründet.
Ihre Memoiren schildern das Leben bis ins hohe Alter von 93 Jahren, die Zeit während und nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA. Als Ehefrau betitelte sie sich als »Der Senflöffel«, viel bezeichnender aber mit: »Ich hatte gleichzeitig auch einen Vater«.
Zwei Sätze für Streichquartett hat das Barbican Quartet aus ihrem Werk ausgesucht – auf jeden Fall eine Neumarkter Erstaufführung.
Dieser Artikel von Uwe Mitsching ist am Samstag, den 21. Februar 2026 in den Neumarkter Nachrichten erschienen.
