In Verbundenheit | Interview mit Sir András Schiff
Im Rahmen ihrer Abschiedstournee geben Sir András Schiff und die Cappella Andrea Barca am 28.01.2026 im Historischen Reitstadel ihr letztes Deutschlandkonzert.
Eine Barke rollt das Segel ein – Sir András Schiff im Gespräch
von Markus SiberVon Aufhören ist gottlob nicht die Rede! Dennoch will Sir András Schiff in Zukunft etwas kürzer treten, sich auf das Wesentliche konzentrieren. Abschied nehmen, heißt es hingegen von einem seiner musikalischen Lieblingsprojekte der vergangenen zweieinhalb Jahrzehnte: Im Jänner gibt die Cappella Andrea Barca im Musikverein ihr letztes Österreich-Konzert.
Sie werden nicht nur als tiefsinniger Pianist geschätzt, sondern auch für Ihren feinen Humor, der sowohl in Ihren Interpretationen als auch in Ihren Moderationen und Texten durchblitzt. Dazu gehört unter anderem der kurze Lebenslauf des frei erfundenen Komponisten Andrea Barca, Namensgeber Ihrer Cappella, die nun gewissermaßen in Pension geht. Wenn Sie diese Fiktion weiterführen würden – was hätte ihm an diesem Ensemble gefallen?
Wissen Sie, dass viele diese Biographie todernst nehmen? Sie schlagen dann im Lexikon nach und sind überrascht, dass sie nichts dazu finden. Ohne Humor, um das berühmte Zitat von Nietzsche abzuwandeln, wäre das Leben jedenfalls ein Irrtum. Was hätte Andrea Barca geschätzt? Ich glaube, dass es uns gelungen ist, eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten zu begründen, die ein gutes menschliches Einvernehmen und einen ähnlichen Geist haben. Was viele nicht wissen: Wir sehen uns vielleicht drei bis vier Mal im Jahr. Da reicht es nicht, bloß sein Instrument gut zu beherrschen – es bedarf einer tragfähigen menschlichen Basis, auf der man jedes Mal aufbauen kann.
Freie Musikprojekte unterscheiden sich stark von großen Orchestern und bemühen sich in der Regel, den einzelnen Musikerinnen und Musikern bei der Interpretation mehr Mitsprache und Eigenverantwortung einzuräumen. Wie lässt sich in solchen Strukturen Führung gestalten?
Die Cappella versteht sich als eine Art vergrößerte Kammermusik, geprägt von Zuhören, Geben und Nehmen. Ich sehe mich dabei nicht als klassischen Dirigenten, eher als jemand, der koordiniert und den Überblick behält, ohne dabei zu viel zu sprechen. Musik entsteht im gemeinsamen Klang, nicht in Worten. Aber jedes Ensemble braucht eine Führung – denn genauso wie in der Musik nicht alle Töne von ihrer Bedeutung her gleich sind, haben auch die einzelnen Musiker unterschiedliche Funktionen. Jemand muss das Ganze im Blick behalten, Tempo, Balance und Klangverhältnisse steuern – das ist letztlich die Aufgabe eines Dirigenten.
Von der Cappella, die 1999 in Salzburg begründet wurde, gibt es keine klassische Tonaufnahme. Was wird, wenn die Abschiedstournee abgeschlossen ist, bleiben?
Es gibt eine Reihe von schönen Filmaufnahmen, unter anderem aus Salzburg und aus dem Teatro Olimpico in Vicenza, wo wir jährlich unser Festival abhalten. Das muss, finde ich, genügen. Als wir damals auf Initiative von Josef Tichý bei der Mozartwoche in Salzburg die Cappella ins Leben riefen, hatte ich unter der Leitung des wunderbaren Sándor Véghs mit der Camerata Academica Salzburg bereits alle Mozart-Konzerte aufgenommen. Eigentlich wollte ich diese Konzerte nach Véghs Tod zunächst gar nicht mehr spielen, weil die Zusammenarbeit mit ihm so einzigartig war. Aber in der Cappella musizieren wir ohnehin in seinem Geist, da viele seiner Schüler das Fundament bilden – angefangen von meiner Frau Yūko Shiokawa bis hin zu Konzertmeister Erich Höbarth.
Végh war ein sehr strenger Maestro, bei dem es in der Probe auch immer wieder Tränen gab …
Tränen gibt es bei uns zum Glück nur in Momenten musikalischer Rührung. Végh konnte zwar streng und fordernd sein, doch das Ergebnis war hinterher meist deutlich besser.
Sie haben Ihre Frau erwähnt, die von Anbeginn an der Seite von Erich Höbarth am ersten Pult der Cappella gespielt hat – ähnlich wie Alice Harnoncourt im Concentus Musicus Wien. Was bedeutet es Ihnen, dass Ihre Frau da mit dabei ist?
Unermesslich viel, keine Frage. Ich habe meine Frau vor Jahrzehnten durch Mozart beim Kammermusikfestival in Marlboro in den USA kennengelernt. Wir haben stundenlang, manchmal ganze Nächte, nur Mozart-Sonaten gespielt. Wenn zwei Menschen sich in Mozart verstehen – und er gehört ja zu den gnadenlosesten Komponisten überhaupt –, dann funktioniert alles Weitere fast von selbst. Yūko und ich haben die Cappella gemeinsam gegründet, und wir werden sie jetzt auch gemeinsam zu einem guten Ende bringen.
25 Jahre sind eine sehr lange Zeit. Wie hat sich die Welt der klassischen Musik seitdem verändert?
Wenn Sie diese Frage stellen, riskieren Sie eine nostalgische Antwort. Ich habe den Eindruck, dass es heute weniger große Persönlichkeiten in der Musik gibt als früher. Zwar wird oft behauptet, dass junge Pianistinnen und Pianisten heute technisch überlegen seien, aber das ist eine Frage der Betrachtung. Végh hat treffend zwischen Mechanik und Technik unterschieden. Mechanik bedeutet, dass alles schnell, laut und makellos funktioniert. Technik hingegen ist eine höhere Kategorie – sie umfasst Klangfantasie und Klangkultur. Genau das vermisse ich heutzutage.
Sie gelten als »Komponist« von Konzertprogrammen. Seit einiger Zeit legen Sie diese oft erst am Konzerttag fest. Setzt Sie das nicht selbst ein bisschen unter Druck?
Ganz im Gegenteil. Früher war für mich der Druck, ein Klavierabend-Programm schon zwei Jahre im Voraus festlegen zu müssen, sehr stressig. Heute empfinde ich das ganz anders: Ich habe einen Koffer voller Noten, die Stücke auch im Kopf, und gehe dann in den Saal. Es ist eine Freude, mich spontan inspirieren zu lassen. Wenn ich in der Früh aufwache, weiß ich noch nicht, welche Beethoven-Sonate oder welches Schubert-Impromptu ich spielen werde – ich probiere es erst direkt auf dem Instrument im Saal aus, passend zu meiner aktuellen Stimmung. Ich finde das sehr bereichernd. Dazu kommt, dass ich im Konzert ein wenig über die Stücke sprechen darf – das schafft eine besondere Verbindung zum Publikum, die sonst nur schwer herzustellen wäre.
Sie haben einmal gesagt, dass Sie gerne kochen würden, wenn Sie mehr Zeit hätten. Haben Sie sich schon an eine toskanische Gemüsesuppe à la Andrea Barca gewagt? Sein vermeintliches Hauptwerk trägt ja den Titel »La ribollita bruciata« …?
Noch ist die Zeit für solche kulinarischen Experimente nicht gekommen. Auch wenn ich mich da und dort am Klavier zurücknehme, möchte ich weiterhin spielen, werde aber gleichzeitig nicht müde, meine Frau und meine Freunde inständig darum zu bitten, mich rechtzeitig zu warnen, bevor es peinlich wird. Beim Kochen habe ich lediglich ein kleines Repertoire, aber ich nehme mir ausreichend Zeit, um anderen Leidenschaften nachzukommen: der Literatur, der Kunst, dem Theater und dem Kino.
Für dieses Interview haben wir ein Porträt von Andrea Barca mittels KI generiert, basierend auf der von Ihnen verfassten fiktiven Biographie. Hat KI in ihrem Leben schon eine größere Rolle gespielt?
Indirekt wahrscheinlich viel öfter, als mir bewusst ist. Das Thema, ich sag’s ganz ehrlich, beängstigt mich enorm, auch deshalb, weil ich in einem Restaurant schon einmal perfekt von einem Roboter bedient wurde. Fest steht, dass die KI immer besser wird und wir die Dimension, mit der sie in unser Leben eingreift, noch gar nicht erfassen können.
Dieses Interview erschien erstmals im Monatsmagazin »Musikfreunde« des Wiener Musikvereins: https://issuu.com/musikvereinwien

