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In Verbundenheit | Rezension Neumarkter Nachrichten

Einen Tag nach Mozarts 270. Geburtstag, drei Tage nach der Verabschiedung von der Salzburger Mozartwoche: Die Cappella Andrea Barca hat ihr letztes Konzert in Deutschland gegeben.

Applaus und Abschiedstränen

Einen Tag nach Mozarts 270. Geburtstag, drei Tage nach der Verabschiedung von der Salzburger Mozartwoche: Die Cappella Andrea Barca hat ihr letztes Konzert in Deutschland gegeben – im Neumarkter Reitstadel und bei den »Konzertfreunden«. Es war das Ende einer langen Verbundenheit mit dem Orchester, nicht aber der Freundschaft und Verbundenheit mit seinem Gründer, dem Pianisten Sir András Schiff.

Und so war es nördlich der Alpen wieder und zum letzten Mal ein einzigartig authentisches Musikerlebnis: »unschätzbar in den 25 Jahren wunderbarer Geschehnisse«, hatte man am letzten Sonntag im Salzburger Mozarteum gesagt, »Geschenke an Kreativität«, hatten Intendant Rolando Villazon und der Vertreter der Internationalen Stiftung Mozarteum angefügt.

Frenetischer Applaus und spürbare Rührung beim Konzert im Reitstadel
/Uwe Mitsching

In Neumarkt fand die Huldigung ihre Fortsetzung mit dem frenetischen Applaus und mit spürbarer Rührung. All die großartigen Musiker und Musikerinnen, zuerst eingeschworen auf die Interpretation sämtlicher Mozart-Klavierkonzerte, dann immer wieder auch des klassisch-romantischen Repertoire bis hin zu Johannes Brahms, fanden sich in Neumarkt noch einmal zusammen: Musikerpersönlichkeiten seit Jahrzehnten wie Erich Höbarth am ersten Geigenpult bis zu Christian Sutter am Kontrabass – in den Palladio-Festspielen in Vicenza Anfang Mai werden sie noch einmal zusammen sein: bei Beethovens Neunter und als Abschied vom italienischen Publikum.

Erich Höbarth am ersten Geigenpult und Christian Sutter am Kontrabass
Erich Höbarth am ersten Geigenpult und Christian Sutter am Kontrabass

Für die »Konzertfreunde« und Ernst-Herbert Pfleiderer war dieser Abend ein Freundschaftsdienst, Sir András Schiff hatte seinen wunderbar geflammten, rotbraunen Mahagoni-Bösendorfer-Flügel für eine authentische Mozart-Interpretation mitgebracht (zuerst für KV 488), signalisierte in der langen Orchestereinleitung höchstens ein piu piano, blieb ansonsten ganz ohne Extravaganzen, sondern für dieses Konzert auf dem Zenit von Mozarts Schaffen auf dem entsprechenden Gipfelpunkt der Interpretation, die man je gehört oder im CD-Regal gestapelt hat. Sinnfällig gerät das alles, klar gestaltet und brillant in der solistischen Erfindung, im dialogischen Gefüge. Im Adagio bleibt das ohne jede larmoyante Stimmung im wunderbaren Fortgang einer zarten Melancholie: Mozarts Musik wie atmendes Leben.

Viel braucht Schiff auch im Finalallegro (mit der großartigen Mozart-Kadenz) den mit ihm maximal vertrauten Musikerinnen und Musikern nicht zu signalisieren. Er kümmert sich höchstens um die Sanftheit der Bläser, um mehr Energie bei Bratschen und zweiten Geigen.

Aber man weiß ohnehin, was jeder vom anderen erwarten kann, auch am Maß sonniger Farbigkeit. Der Flügel in seiner Einmaligkeit (Modell 280 Vienna Concert) von Optik und Klang trägt erheblich zu diesem Klavierwunder bei.

András Schiff hatte seinen wunderbar geflammten, rotbraunen Mahagoni-Bösendorfer-Flügel für eine authentische Mozart-Interpretation mitgebracht (Modell 280 Vienna Concert).
András Schiff hatte seinen wunderbar geflammten, rotbraunen Mahagoni-Bösendorfer-Flügel für eine authentische Mozart-Interpretation mitgebracht (Modell 280 Vienna Concert).

Mozarts größter denkbarer Furor

Ein Donnerschlag nach dem anderen, die Feuerzungen zum Höllensturz: Zum Abschied gehörte auch der größte denkbare Furor, der die Ouverture zu »Don Giovanni« und den Beginn des Klavierkonzerts KV 466 in der gleichen Tonart miteinander verbindet. Beide wollte Schiff attacca aufeinander folgen lassen, konnte dabei auch auf die Opernerfahrung der Cappella vertrauen, die zu fast allen Mozartwochen konzertante oder halbszenische Opernaufführungen beigesteuert hatte.

Auch jetzt überzeugte sein unprätentiöser Dirigierstil, wenn am Ende des »dramma giososo« im lieto-fine-Nachspiel viele Fragen offen bleiben, als nur der Verführer zur Hölle fährt. So war es auch bei diesem Abschiedsabend: Was wird Schiff ohne seine Cappella machen ? Die ihm auch bei KV 466 in aufgetürmter Dramatik, akzentuiertem Spiel, gelegentlich geradezu unwirsch und harsch folgt, auch in höchster Erregung, wenn die Einladung des toten Komturs zur »ultima scena« führt.

Mit Haydns symphonischem Witz

Schon zur Pause war in diesem Abend der Abschiedsgedanke ausgespielt worden: Auch Josef Haydns Musiker in Eisenstadt wollten endlich in Urlaub gehen. Und so erfand man nach dem Prestofinale dieses Abschiedsadagio: mitten aus dem Saus und Braus heraus machen sich Horn (Marie-Luise Neunecker) und Oboe (Louise Pellerin) aus dem Staub, einer der Kontrabässe wird über die Köpfe hinweg hinausexpediert, auch Yuuko Shiokawa lässt ihren András im Stich, nur noch zwei Geigen fiedeln ein bisschen im Dunklen weiter: Der prächtige Fürst Nikolaus verstand den Wink schon damals, und was hätte besser zu diesem Abschiedskonzert gepasst als Haydns symphonischer Witz.

Das Publikum im Reitstadel fühlte noch einmal die Freundschaft zwischen Gründer und Ensemble - und erlebte ein »Geschenk an Kreativität«..
Das Publikum im Reitstadel fühlte noch einmal die Freundschaft zwischen Gründer und Ensemble - und erlebte ein »Geschenk an Kreativität«..

Der Applaus für all das bündelte noch einmal, womit die Cappella und Schiff in den letzten 25 Jahren Neumarkts Musikwelt beschenkt hatten.

Dieser Artikel von Uwe Mitsching ist am 30. Januar 2026 in den Neumarkter Nachrichten erschienen.