JOSEPH HAYDN ODER DIE PHILOSOPHIE DER TÖNE
Ein Essay zu unserem Sonderkonzert am 12. Oktober 2026 mit dem Barockorchester Il Giardino Armonico unter der Leitung von Giovanni Antonini
»Haydn2032« ist das große Jubiläumsprojekt von Giovanni Antonini: Gemeinsam mit Il Giardino Armonico und dem Kammerorchester Basel entsteht bis zu Joseph Haydns 300. Geburtstag im Jahr 2032 die vollständige Einspielung aller 107 Haydn‑Sinfonien – thematisch geordnet, klanglich historisch informiert und als hochwertige Edition veröffentlicht.

»Sonate, que me veux-tu?« – »Sonate, was willst du von mir?« Mit dieser Frage schrieb sich der französische Philosoph Bernard Le Bovier de Fontenelle in die Musikgeschichte ein. Er fragte nicht aus Neugier, sondern aus Verdruss: Die neumodischen Sonaten, Sinfonien und Divertimenti leuchteten dem Mann der Aufklärung nicht ein. Musik, die einen Text schmückt und ausdeutet, wie es seit Jahrhunderten üblich war – hier konnte die Kritik ansetzen und Urteile fällen, etwa darüber, ob ein Textinhalt durch Musik verdeutlicht oder verschattet wurde.
Aber Klang um des Klanges willen? Dem verweigerten er und seine Zeitgenossen ihre Gunst. Für die Intellektuellen des 18. Jahrhunderts war nur eine Kunst von Wert, wenn sie die Wirklichkeit beschrieb, befragte und beurteilte. Dichtung, Malerei, Plastik, Architektur – das ja. Mit einigem Abstand folgten Opern und geistliche, also gesungene Musik. Aber Musik ohne Worte? »Was willst du von mir?« – Da hatte der Philosoph einen Punkt.
Etwa hundert Jahre nach Fontenelles Tod stellte sich die Situation völlig anders dar. Für den deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer thronte die Instrumentalmusik über allen anderen Künsten. Musik brauche nicht die Erscheinungen der Welt nachzuahmen, da sie direkt das innere Wesen der Dinge ausdrücke.

Später erhob der abstrakte Maler Wassily Kandinsky die Instrumentalmusik zu seinem Vorbild. Was war geschehen? Wäre die Musik eine Eisenbahn, hätte sie irgendwann nach 1750 die Spur gewechselt. Die Weichen dafür stellte – Joseph Haydn.
Noch Wolfgang Amadeus Mozart führte seine Konzerte und Sinfonien als Lückenbüßer auf, weil die Theater in der Fastenzeit keine Opern aufführten. In London hingegen waren Haydns späte Sinfonien die gesellschaftliche Hauptattraktion. Haydns Schüler Ludwig van Beethoven schrieb neun Sinfonien, 32 Klaviersonaten und 16 Streichquartette – doch nur eine Oper, den »Fidelio«. Hier hat sich etwas gewaltig verändert. Dass der Konzertsaal im Reitstadel hauptsächlich für Kammermusik gebaut wurde, verdankt sich dieser Entwicklung. Haydns Kunst erlebte in den letzten Jahren eine Renaissance, die sich in den Programmen der Neumarkter Konzertfreunde niederschlägt – dieser Neubewertung verdankt sich auch dieser Text.
Um von den sprachverliebten Aufklärern anerkannt zu werden, musste die Musik selbst zur Sprache werden. Bereits die Inventionen von Johann Sebastian Bach orientieren sich am Aufbau einer antiken Rede – Bachs Choralvorspiele deuten mit innermusikalischen Mitteln die Choralinhalte aus. Die Musik »sprach« nun in Aussagesätzen, sie fragte nach und kündigte an. Harmonische Ganzschlüsse standen für Punkt, Semikolon und Ausrufezeichen; Halbschlüsse wurden zu Fragezeichen, Doppelpunkten und Kommata. Trugschlüsse erlaubten Komponisten, eine »Aussage« im Moment ihrer Entstehung sofort wieder zurückzunehmen – so wurden Andeutungen und ein Reden zwischen den Zeilen möglich.
KEINER KANN ALLES, SCHÄKERN UND ERSCHÜTTERN, LACHEN ERREGEN, UND TIEFE RÜHRUNG UND ALLES GLEICH GUT ALS HAYDN!
Haydn behandelte die Hauptthemen seiner Werke wie konzentrierte Thesen, die im Verlauf hinterfragt, auseinandergenommen und bestätigt wurden. Bei ihm wurde Musik zur philosophischen Abhandlung. Hier lässt sich eine Brücke zum Zeitgenossen Immanuel Kant schlagen. Nur fehlte Haydns klingenden Erkenntnistheorien oft jede Schwere. Stattdessen setzte der Komponist auf den Witz. Indem er die neuen musikalischen Ordnungen für einen amüsanten Moment einem Stresstest unterzog, bestätigte er sie zugleich.
In Zeiten, in denen die Werbung klassische Musik als »Kraftwerk der Gefühle« verkauft, gereichen dem Komponisten sein Humor sowie die oft gelöste Stimmung seiner Musik eher zum Nachteil. Haydn verweigert den Hörern Pathos und Melodieseligkeit. Dazu ist dieser Komponist als Vielschreiber verschrien. Doch gerade die beständige Übung machte ihn zum Meister – das war auch bei seinen Vorläufern und Kollegen Mozart und Bach so, anders als bei vielen nachfolgenden Komponisten, die Einzelwerke zu musikalischen Denkmälern stilisierten, in der Hoffnung, sich in ihnen zu verewigen.
Haydns reiches Werk betrachtet man am besten als ein riesiges Laboratorium. Der Komponist erfand das Streichquartett, die Doppelvariation und die Sinfonie. Es gab Vorgänger und Mitstreiter, doch erst Haydns Genie führte dazu, dass diese Gattungen im öffentlichen Bewusstsein die bis dahin alles beherrschende Oper in den Schatten stellten. Das klassische Sinfonieorchester geht auf ihn zurück: Anders als im Barockorchester verschmelzen hier Bläser und Streicher zu einem Mischklang, aus dem die Bläser bei Bedarf als Farbtupfer wieder hervortreten. Es ist ein Mischklang mit feinsten Abstufungen: Da werden Geigen parallel mit Fagott geführt, ein Solocello mit Oboe – stünde der Komponist am Herd, hätte er der Kochkunst unzählige geniale Gewürzkombinationen vermacht. Beethoven zitiert im Finale seiner fünften Sinfonie deren Scherzo – wie Joseph Haydn in seiner Sinfonie Nr. 46, was heute kaum ein Hörer mehr weiß. Solche Einzelheiten findet man hundertfach. Als wäre all das nicht gewichtig genug, verdankt die europäische Musikwelt Haydn eines ihrer wichtigsten Güter: die »motivische Arbeit«, die alle Teile auf ein Ganzes bezieht und die Musik in den Rang einer Philosophie der Töne erhebt. Beethoven zehrte davon, ebenso Richard Wagner mit seinen Leitmotiven. Johannes Brahms’ entwickelnde Variation lässt sich ebenso auf Haydns Zergliederungen zurückführen wie Arnold Schönbergs Zwölftontechnik. Der größte Erfinder der Musikgeschichte und das entspannteste Genie von allen – es war Freund und Kollege Mozart, der Haydns Rang und Charakter auf einen Begriff brachte. Er nannte ihn schlicht wie ergreifend: »Papa«.
