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Katalanische Schatzkammer | Vorbericht Neumarkter Nachrichten

Das spanische Bläserquintett Azahar wirbelt mit seinen spannenden Programmen durch die Kammermusikszene Europas und macht am 26. April um 18.30 Uhr Station im Reitstadel Neumarkt.

Spanisches Bläserquintett bringt Renaissance- und moderne Werke in den Reitstadel.

Besser kann der Zeitpunkt nicht passen für das Gastspiel eines Bläserquintetts, das »Azahar Ensemble« heißt. Denn die fünf Musiker haben sich 2010 bei der Gründung ihres Ensembles nach der »Orangenblüte« benannt. Und wer einmal um diese Zeit durch Andalusien gefahren ist, von Cordoba nach Sevilla den Guadalquivir entlang, der hat dieses Wunder erlebt: Wenn die Arbeiter zur Orangenernte in die Plantagen fahren und wenn gleichzeitig schon die nächste Ernte blüht, die dann im Winter reif sein wird.

Irgendwie gleicht auch das Programm der Spanier bei den Neumarkter Konzertfreunden diesem gleichzeitigen Blühen und Ernten in »sinnlicher Fülle«, wie die FAZ über die Aufführungen von Azahar schrieb. Diese »Fülle« entwickelte sich vom Gewinn des 2. Preises beim ARD-Wettbewerb, des ersten bei der Schweizer Kammermusik-Competition und beim »El Primer Palau«-Wettbewerb in Barcelona. Es folgten Gastspielreisen nach Kanada zu »Les Journées des« in Montreal, zur Zeit als Residenzquintett in Calgary, es gab Rundfunkaufnahmen in Spanien, Deutschland und Frankreich.

Sevilla ist besonders schön, wenn seine Straßen mit Orangenblüten bedeckt sind. Es ist eine großartige Zeit, um die versteckten Plätze der alten Stadt zu erkunden.
Sevilla ist besonders schön, wenn seine Straßen mit Orangenblüten bedeckt sind. Es ist eine großartige Zeit, um die versteckten Plätze der alten Stadt zu erkunden.

Die Musiker hatten sich beim spanischen Nationalen Jugendorchester kennengelernt und verfügen inzwischen über ein Repertoire von der frühen bis zur aktuellen spanischen Bläsermusik: Blühen und Ernten gleichzeitig. Und so fängt man denn mit der spanischen Renaissance an, mit Tomas Luis de Victoria (1548–1611), mit dem »Siglo d’Oro«, dem Goldenen Zeitalter Spaniens. Das Azahar Ensemble hat eine fünfstimmige Vokalkomposition für Flöte, Fagott, Horn, Oboe, Klarinette für sich bearbeitet, ein Werk von de Victorias Kirchenmusik, die er zunächst für König Philipp II. und dann für dessen Witwe Maria komponiert hatte: ein Werk aus dem Geist der Gegenreformation und strengen Religiosität.

Der erste spanische Komponist der Renaissance allerdings war Cristobal de Morales, geboren und Sängerknabe in Spanien, zehn Jahre in Rom und vom Papst geadelt. Seine vielen Messen und Motetten fanden ihr Ende, als er Kapellmeister in Malaga war. Der Gegenpol im Neumarkter Programm sind die drei Stücke, die nach dem 2. Weltkrieg entstanden sind: die »drei Seufzer« des 37-jährigen Jordi Cornudella (Achtung: Es gibt auch einen katalanischen Dichter und Übersetzer mit gleichem Namen!), und mit dem musikalischen Wandbild »Das Einhorn« des nahezu gleichaltrigen Joan Mogramé Figuera, vielfach ausgezeichnet und mit einem besonderen Schwerpunkt auf der katalanischen Musik.

In seinem Un Tapís (Ein Teppich) huldigt der Komponist der Webtechnik – sowie dem berühmten, namentlich nicht bekannten »Meister der Einhornjagd«.
In seinem Un Tapís (Ein Teppich) huldigt der Komponist der Webtechnik – sowie dem berühmten, namentlich nicht bekannten »Meister der Einhornjagd«.

Die beiden Turinas (Joaquin* 1882 und José Luis* 1952) im Programm nennt man am besten in einem Atemzug: José ist der Enkel von Joaquin. Letzter hat sich besonders um die Reform des Musikunterrichts in Spanien verdient gemacht, zur Jahrtausendwende wurde seine Oper »D. Q.« im Liceu-Opernhaus von Barcelona und durch die berühmte Operntruppe La fura dels Baus uraufgeführt (»Don Quijote« natürlich). Das Azahar Ensemble hat Turinas »Octeto de agua« von 2004 selbst für fünf Instrumente bearbeitet: ein Beispiel seines riesigen Kammermusik-Repertoires von 1978 an.

Und der Großvater? Joaquin Turina (1882–1949) war einer der berühmtesten Komponisten Spaniens im 20. Jahrhundert, Sohn eines Malers, Akkordeon- und Klavierspieler, Kapellmeister, Freund von Manuel de Falla, beeinflusst durch Ravel und Debussy und Gründer des Orquesta Nacional de Espana. Sein Klavierstück »Sevilla« op. 2 ist der Höhe- und Schlusspunkt des Konzerts im Reitstadel und wurde für Bläser bearbeitet. Ein paar Buchstaben mehr, und das wäre dann eines der berühmtesten Stücke von Turina: dem Gitarrenstück »Sevillana«. Etliche seiner Kompositionen sind nach seiner Geburtsstadt benannt, auch der Liedzyklus »Canto de Sevilla«. Und so fährt man mit ihm denn in der Fantasie mit der Kutsche am Guadalquivir entlang, am Gelände der Amerika- und der Weltausstellung und an den langen Schlangen, die für die Besichtigung der Kathedrale anstehen: Sevilla heute.

Dieser Artikel von Uwe Mitsching ist am Dienstag, den 21. April 2026 in den Neumarkter Nachrichten erschienen. 

Dieses Konzert wird vom Bayerischen Rundfunk – Studio Franken mitgeschnitten und auf BR-Klassik am Donnerstag, den 14. Mai 2026 ab 20.03 Uhr gesendet