Out of Vienna
Das Leonkoro Quartet, 2022 Sieger des Wigmore Hall International Competition, nahm in Neumarkt sein erstes Album für Alpha Classics auf: Wiener Moderne von Berg, Webern und Schulhoff.
Out of Vienna
Leonkoro QuartetIn Zeiten, da die Mehrheit der Klassikplattenfirmen programmatisch im Kernrepertoire kaum noch existent ist, ist der Wechsel von einem Anfängerlabel zu Alpha schon ein gewaltiger Schritt. Auch wenn ein Streichquartett naturgemäß günstig zu produzieren ist, wer wagt es freilich noch mit Neuem, vor allem Seriösem? Die vier Musiker des 2019 um die Brüder Jonathan und Lukas Schwarz (Violine, Cello) mit Amelie Wallner (zweite Violine) und Mayu Konoe (Bratsche) gegründeten Leonkoro Quartet haben bisher nur Lobeshymnen geerntet und weder im Konzert noch medial programmatische Abstriche gemacht.
Auf das hochgepriesene Debüt mit Werken von Schumann und Ravel folgt nun ein zweites, um die zweite Wiener Schule zentriertes Album. Und da kann man schon bei den ersten, sphärischen, wie sinnlich verschatteten Tönen des Allegretto gioviale der Lyrischen Suite von Alban Berg sagen: Das ist wahrlich Musik als zartes Luftwurzelgewirr von anderen Planeten! Die Leonkoros spielen diesen Klassiker souverän, fein ausbalanciert, dramaturgisch klug durchgestaltet, dabei mit fast altmeisterlich anmutender Leuchtspannung, ja nie nachlassender Intensität. Man wird mitgenommen auf eine Klangreise ins liebende Ich, die hypnotische Schönheit der Berg-Partitur glimmert zart, opak und wie neu.
Das setzt sich – getreu dem Titel „Out Of Vienna“ – auch in den weltlich-diesseitigeren, locker gewirkten, schnodderig swingenden Fünf Stücken WV 68 von Erwin Schulhoff fort. Der wird hier quasi vom Außenposten Prag und Deutschland klanglich nach Wien mit eingemeindet. Kunststück, dass dann auch die pretiös-verhuschten Fünf Sätze op. 5 von Anton Webern ähnlich lässig, dabei mit höchster Präzision, streng, aber mit ostentativer Spielfreude absolviert werden. So macht Streichquartett Spaß, und um diesen Nachwuchs muss man sich wahrlich keine Sorgen machen.
CD-Rezension von Manuel Brug, erschienen im Rondo-Magazin
Das Leonkoro Quartet hat mich in schönster Weise überrascht: hinreißendes Quartettspiel, wie lange keines mehr zu hören war!
Leonkoro Quartet
Das 2019 in Berlin gegründete Leonkoro Quartet gehört zu den meistausgezeichneten jungen Streichquartetten Europas. 2022 gewann es beim Wigmore Hall International Competition neun Preise, darunter den ersten; dazu kamen der Musikpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung, ein erster Preis beim Concours International de Quatuor à Bordeaux und drei Jahre als BBC Radio 3 New Generation Artists. Den Kern bilden die Brüder Jonathan Schwarz, Violine, und Lukas Schwarz, Violoncello, dazu die Bratscherin Mayu Konoe; ausgebildet wurde das Ensemble unter anderem von Günther Pichler vom Alban Berg Quartett und Heime Müller vom Artemis Quartett. Eingespielt wurde »Out of Vienna« noch mit Amelie Wallner an der zweiten Violine – seit Anfang 2026 spielt dort Emiri Kakiuchi.
CD-Produktion im Reitstadel
Für Alpha Classics beginnt das Ensemble nun eine Reihe von Aufnahmen. Alban Berg vollendete seine Lyrische Suite am 5. Oktober 1926; sie verbindet Theatralik mit strenger Architektur, freie Atonalität mit Zwölftontechnik und verbirgt darin seine Liebe zu Hanna Fuchs. Erwin Schulhoff, 1894 in Prag geboren, von Dvořák entdeckt, mit zwölf Jahren Student in Wien und 1942 in einem bayerischen Lager umgekommen, widmete seine Fünf Stücke Darius Milhaud. Und Anton Webern trauert in seinen Fünf Sätzen op. 5 um die Mutter, die am 7. September 1906 gestorben war. Dazu kommt Weberns Langsamer Satz.
Für Aufnahmeleitung, Mischung und Mastering verantwortlich war René Möller. Erschienen ist das Album bei Alpha Classics . Der Trailer des Labels gibt einen Einblick.
Album der Woche
Das im Reitstadel aufgenommene Album »Out of Vienna« wurde von BR-Klassik und radio3 vorgestellt; BR-Klassik hat es zum Album der Woche gewählt. Bei radio3 sprechen Jonathan und Lukas Schwarz außerdem selbst über die Aufnahme. Hier reinhören:

