Préludes | Rezension Neumarkter Nachrichten
Nathalia Milstein hat die Zuhörerinnen und Zuhörer im Neumarkter Reitstadel mit Stücken von Claude Debussy und Frédéric Chopin in die Zeit der großen Komponisten entführt.
Farbe und Bewegungen werden zu Musik
Wie sich die Bilder gleichen: In Büchern und Bildbänden sind sie alle abgebildet, die Verehrerinnen, Schülerinnen von Frédéric Chopin, seine Schwestern und die Geliebte George Sand ohnehin. Und dann diese Nathalia Milstein, die im Neumarkter Reitstadel seine »Préludes« spielte: sie alle mit schmalen, langgezogenen Gesichtern, manchmal betenden Händen, lockigen Haaren – erst in den Bildern des Programmhefts, dann in der Realität des ausverkauften Saales.
Mittlerweile sind das Bilder im Abstand von fast zweihundert Jahren, auch die Biografien kann man vergleichen. Nathalia Milstein holt mit ihrer Geburt in Frankreich, Jahren in der Schweiz, jetzt in Berlin und als Mitglied des »building bridges«-Programms von Sir Andras Schiff so ein Pianistinnen-Leben in die Gegenwart. »Préludes« hieß das Neumarkter Programm, nicht in Form von schwer zu verortenden Einzelstücken ohne Zusammenhang, sondern in zwei Blöcken: zuerst mit Claude Debussys Livre II, nach der Pause mit den 24 Préludes von op. 28.

Nathalia Milstein hatte sich das komplizierte Dutzend von Debussy zuerst vorgenommen: Da gibt es zwar für jedes Prélude einen Titel und eine Vortragsbezeichnung. Die stehen am Ende jeden Stücks, am liebsten wäre es Debussy aber gewesen, es hätte überhaupt keine Überschriften gegeben. Das Publikum wollte es anders, auch die Tradition, der Komponist aber wollte seine kompositorischen Vorstellungen realisieren und kein Abbild vom »Herbstlaub« malen: Natur, gesehen durch ein Gemüt, postulierten die Impressionisten.
Und Debussy komponiert verschiedene Farben, Bewegungen zwischen Melancholie und Veränderungen. Oder in »Habanera« zwar einen spanischen Rhythmus, aber keine Stierkämpferszene wie in »Carmen«. Nathalia Milstein hat für jede der Debussy-Vorstellungen eine sehr klare Vorstellung: Wie sonst sollte man auf dem Klavier »lila« Heidekraut spielen können (»Bruyères«) oder solche skurrilen Bilder von »General Levine“ im Stil eines »Cakewalkes«, gar von einer Terrasse im Mondlicht? Da spielt Milstein keinen romantischen Sternenstaub, sondern jeden Ton in einer Art astrologischer Erkenntnis und galaktischer Ferne.
...alles kann Nathalia Milstein in wilden Eruptionen und hingebungsvoller Poesie...
Mit Chopins »Preludes« umzugehen (auch als Hörer) ist da einfacher. Grundsätzlich geht es auch bei ihm nicht durchweg um Abbilder dieser winterlichen Monate 1838/39 auf Mallorca, um keine pianistischen Postkarten; Chopin hatte ohnehin schon einige fertige Préludes mit auf die Insel gebracht. Und Nathalia Milstein spielt alle zwei Dutzend Stücke mit viel lyrischem Atem, aber zugleich präzise gliederndem Bewusstsein: Perfektion in klarer Anschlagskultur.
Die Beziehung zu Philippe Rameau und die »Altvorderen« steht im Mittelpunkt dieser Klangchemie, ihren Tönungen, Nuancen. Und so gelingen der Pianistin die krassesten Gegensätze: äußerste Gewalt und leidenschaftliche Zartheit, etwa in »La puerto del vino« – jedes Stück folgt seiner eigenen Logik. Und so ist bei Nathalia Milstein auch das »Feu d’artifice« am Ende ein Beispiel dafür, wie wild und wie zärtlich man Klavier spielen kann – ein »Feuerwerk« muss das nicht zwingend sein, vielmehr ein Inbegriff von Impressionismus, kapriziös, immer wieder überraschend.
Das Publikum fühlt sich bei ihr hineingezogen in die dezente Melodik, in deutlich formulierte Ausbrüche oder das Anrührende der »Regentropfen« von Prélude Nr. 15 mit markanten Wechseln zwischen auftrumpfendem oder unterhaltsamem Vivace oder feierlicher Attitude – alles kann Nathalia Milstein in wilden Eruptionen und hingebungsvoller Poesie.
Dieser Artikel von Uwe Mitsching ist am 18. März 2026 in den Neumarkter Nachrichten erschienen.
