Reitstadel-Aufnahme als Debut-CD | Neumarkter Nachrichten
Auszüge aus der CD-Besprechung «Manifesto on Love» des Barbican Quartet
«Manifesto on Love»: So heißt die Debut-CD des Barbican Quartet und nach ersten Anfänger-Fingerübungen klingt bei dem nichts, was die Londoner in die Hand nehmen. Sie haben sich aber auch Zeit genommen, bis 2022 die Besetzung zusammen gekommen war, die heute für diesen Namen steht: Amarins Wierdsma, Kate Maloney, Christoph Slenczka, Yoanna Prodanova.
Vier Musiker aus vier Ländern
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Jetzt bietet das Streichquartett alle Klanggenüsse bestens ausbalanciert auf CD und lässt die Gedanken zurückgehen an Londons Konzerthalle «Barbican Centre» als Namenspatron der vier Musiker, an die Wigmore Hall, wo man selbstverständlich schon gespielt hat. In London hat man sich einst getroffen, vier Musiker aus vier Ländern und sieben Sprachen mächtig: 2015 war das Gründungskonzert, in den Jahren darauf hat man weiter bei Günter Pichler in Madrid (früher beim Alban-Berg-Quartett) studiert und beim «Quatuor Ébène» in München. Die nächsten Karrierestufen waren damit anvisiert.
Drei Frauen, ein Mann und unter dem «Love»-Motto auf dieser neuen Reitstadel-CD ein originelles Programm. An erster Stelle mit «Intime Briefe», Leoš Janáčeks Streichquartett Nr. 2. Das Booklet jedenfalls zitiert einen Brief des schon 70-jährigen Komponisten an seine Geliebte Kamila Stösslova. Der schreibt, «Intime Briefe» sei seine erste Komposition, «deren Noten von all den mir teuren Dingen leuchten, die wir zusammen erlebt haben. Du stehst hinter jeder Note, du, lebendig, energisch, liebevoll.» Die Kraft dieser Beziehung, auch noch wenige Monate vor Janáčeks Tod im gleichen Jahr 1928, spricht auch aus der Interpretation, mit der diese Musik den Hörer geradezu überfällt: mit leidenschaftlichem Ausdruck, einem fast aufgerissen wirkenden Klangbild und einer Fülle rasender Gefühle. Das «Glühen deiner Küsse» im Brief wird zum leidenschaftlichen Klang, man hört die Hitze eine Liebesbeziehung, selbst noch im folgenden Adagio des 2. Satzes, das schnell wieder in ein dahinjagendes Vivace umkippt.
Die Expressivität, mit der «Barbican» hier zu Werke geht, nimmt an keiner Stelle des halbstündigen Stücks auch nur im Geringsten ab, «Kammermusik» wird hier neu definiert, die Interpretation ist eher von opernhafter Vielfalt oder gleicht den Bildern der Expressionisten in Janáčeks Epoche. «Espressivo» fängt auch Robert Schumanns Streichquartett op. 41/3 an: 80 Jahre vor Janáček auch so ein Zeugnis außergewöhnlicher Gefühle, über die Schatten von «frei aber einsam» ziehen.
Eindrucksvolle Fassung
Was einem schon bei der Janáček-Einspielung aufgefallen war, die absolute Gleichwertigkeit der vier Instrumente in einem intensiven Beziehungsnetz, das realisieren die «Barbicans» auch bei Schumann. Und der hätte das auch so gewollt: «Jedes mit seiner eigenen Sprache».
Mit zwei kürzeren, aber gleichwohl gewichtigen Stücken füllt das Londoner Quartett das CD-Maß. Besonders eindrucksvoll davon ist die Streicherfassung von Schumann-Liedern: Viel mehr als diese 68 Minuten wird man kaum verkraften.
Auszüge aus der CD-Besprechung von Uwe Mitsching, Neumarkter Nachrichten vom 23.08.2024
