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Resonanz der Stille

Für Lebenswerk und Engagement wurde dem Pianisten Sir András Schiff in Tokio der Praemium Imperiale in der Kategorie Musik verliehen.

Resonanz der Stille

36. Praemium Imperiale ehrt Sir András Schiff in Tokio. Ein Porträt.

Der japanische Praemium Imperiale, mit 15 Millionen Yen (rund 86.000 Euro) dotiert, gilt als Nobelpreis der Künste und wird seit 1988 jährlich in fünf Disziplinen vom japanischen Kaiserhaus vergeben. Die Erfolgsgeschichte des Preises sei nicht nur beeindruckenden Künstler-Persönlichkeiten zu verdanken, sondern auch der »weitsichtigen Anerkennung ihres Mutes und ihrer Visionen für eine freie und offene Gesellschaft«, so die Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Marion Ackermann.

»Es ist offensichtlich, dass es Stille geben muss, bevor man die erste Note hört … und wenn die letzte Note verklingt, kehrt wieder Stille ein«, erklärte der Pianist András Schiff im Vorfeld der Zeremonie. Er formuliert damit eine Erkenntnis-theoretische Wahrheit, die zugleich einlädt, im Nachklang der Musik die eigene, persönliche Haltung zu entdecken. Vielleicht verbirgt sich in dieser Aufforderung zum Innehalten die Tiefe und große emotionale Kraft seines Spiels.

Der Praemium Imperiale wird jährlich von der Japan Art Association unter der Schirmherrschaft der japanischen Kaiserfamilie vergeben und gilt als der »Nobelpreis der Künste«.
Der Praemium Imperiale wird jährlich von der Japan Art Association unter der Schirmherrschaft der japanischen Kaiserfamilie vergeben und gilt als der »Nobelpreis der Künste«.

Seit bald fünf Jahrzehnten besetzt András Schiff einen herausragenden Platz im Pianisten-Olymp. Er gilt als vielseitiger Interpret mit einem Repertoire von Bach bis Bartók. Die Anweisungen der Komponisten sind ihm »heilig« – akribisch studiert er Tempo und Dynamik – trotzdem besticht er mit seiner klaren und eigenwilligen Handschrift.

Schiff wurde in eine bürgerlich-jüdische Budapester Familie geboren. Für seine Eltern war es die zweite Ehe. Mutter wie Vater hatten ihre ersten Partner in den Lagern der Nazis verloren. Seine Mutter sei eine begabte Pianistin gewesen, erzählt er, habe aber wegen ihres Lampenfiebers keine Karriere angestrebt. Der Vater, ein Gynäkologe, spielte Geige – Hausmusik gehörte so zum Familien-Alltag. Im Alter von fünf Jahren beginnt Schiff selbst Klavier zu spielen. Er wird zunächst von Elisabeth Vadasz unterrichtet, mit 14 setzt er sein Studium an der Musikakademie in Budapest fort . Zu seinen Lehrern zählten u.a. Ferenc Rados, Pál Kadosa und György Kurtág.

Musiker mit unbedingter Haltung

Schiff meidet die große Geste – aufgeheiztes Pathos ist ihm fremd – und es gibt Komponisten, um die er lieber einen Bogen macht: Liszt findet er zwar genial, aber würde ihn nie selbst spielen wollen, verriet er in einem Interview. Für Beethoven, dessen Witz und Tiefe er verehre, fühlte er sich erst mit über 50 reif.

Seine Einspielung der Brahms‘schen Klavierkonzerte auf einem Blüthner Flügel von 1859 bewies, wie erfrischend die Auseinandersetzung mit historischer Aufführungspraxis sein kann. Bis heute sucht Schiff nach Instrumenten, die dem Einheitsklang des Steinway-Flügels mehr Farbe und Charakter entgegensetzen. Doch bei allen Recherchen und musikalischen Experimenten fasziniert ihn kein Komponist so sehr wie Johann Sebastian Bach. Keiner sei ihm so nah, betont er. Täglich spielt er eines seiner Werke – jedes Mal so, als lese er es zum ersten Mal. Bei Bach bewundere er nicht nur dessen Intellekt, der sich in einer »vollkommenen Ästhetik« widerspiegele, sondern vor allem dessen »beispiellose Ichlosigkeit«, sagte er vor einem Konzert in der Isarphilharmonie München, das er im Juli 2025 mit dem ersten Satz aus dem 5. Brandenburgischen Konzert eröffnete. Darin gibt es eine Kadenz für das Cembalo, während alle anderen Instrumente schweigen. Zum ersten Mal in der Musikliteratur werde hier das Tasteninstrument in einem Konzert als Solo-Instrument eingesetzt, erklärte er. Bach schlage damit ein neues Kapitel der Instrumental-Musik auf.

Musik kann helfen, einander besser zu verstehen.
Sir András Schiff

Auch nach jahrzehntelangem Studium entdeckt Schiff in Bachs spätem Vermächtnis, neue Freiräume. Er spürt den zweifelnden menschlichen Ton in jeder Kontrapunkt-Wendung auf – ohne die oft als mathematisch empfundene »Kunst der Fuge« mit zusätzlicher Dramatik aufzuladen.

Dafür befragt er den Notentext in einer Genauigkeit, wie sie unserer tosenden Welt abhanden gekommen scheint – und schafft etwas Kostbares: den Raum für Verantwortung, der sich in der Resonanz der musikalischen Geste auftut.

Schiff selbst prangerte im Laufe seiner Karriere immer wieder Rechtextremismus, Rassismus und Antisemitismus an. Konsequent attackiert er nicht nur die Regierung Viktor Orbáns (sein Heimatland Ungarn hat er seit 2011 nicht mehr besucht), sondern lehnte auch Einladungen der Vereinigten Arabischen Emirate ab und tritt seit Putins Angriffskrieg auf die Ukraine auch nicht mehr in Russland auf. Nach Trumps zweitem Regierungsantritt 2024 sagte er alle seine bevorstehenden Konzerte in den USA ab.

Schiff ist überzeugt, dass Musik immer mehr als bloße Unterhaltung sein muss. Vielmehr lade sie zum gemeinsamen Lernen ein. Denn selbst wenn sie die Welt nicht erlöst, könne sie helfen, einander besser zu verstehen.

Schiff sucht die Kommunikation über das musikalische Zwiegespräch hinaus. Er tritt nicht nur für die Förderung des begabten Nachwuchses ein, sondern macht sich auch für einen umfassenden Musikunterricht an Schulen stark.

Eben weil die Auseinandersetzung mit Klang und Stille nicht nur ein individuelles Leben bereichert, sondern zugleich Empathie schult somit die Grundlage gesellschaftlichen Miteinanders legt.

Der Artikel von Antonia Munding erschien im Dezember 2025 im Rondo-Magazin