SEPTEMBER 2026 | Abendgesang
Im Eröffnungskonzert am 23. September 2026 erklingt auch diese Melodie von Robert Schumann. Wir wünschen viel Vergnügen!
Abendgesang
Eine kleine musikalische RevolutionWenn zu Beginn von Robert Schumanns Adagio und Allegro op. 70 die Hauptmelodie erklingt, hören wir heute vielleicht vor allem eine schöne romantische Gesangslinie. Für Schumanns Zeitgenossen war sie jedoch mehr als das: Sie war eine kleine musikalische Revolution.
Das Werk entstand 1849, in einer Zeit tiefgreifender technischer und gesellschaftlicher Veränderungen. Kurz zuvor hatte das Horn einen entscheidenden Entwicklungsschritt vollzogen. Das traditionelle Naturhorn, das über Jahrhunderte die europäische Musik geprägt hatte, war ein Instrument mit begrenztem Tonvorrat. Seine Töne entstanden ausschließlich aus der Naturtonreihe. Zwar konnten geübte Spieler durch die sogenannte Stopftechnik einzelne Zwischentöne gewinnen, doch vollständige chromatische Melodien waren mühsam, klanglich uneinheitlich und technisch eingeschränkt. Das Naturhorn war deshalb vor allem das Instrument der Signale: das Instrument der Jagd, des Waldes, des Rufens und Antwortens.
Gerade diese Begrenzung verlieh ihm in der Romantik eine besondere Aura. Der Hornklang schien aus einer anderen Welt zu kommen. Es war das tote Metall, das zu singen versucht - es stand somit zwischen Tod und Leben, Nacht und Tag. Dieses Dazwischen ist die Dämmerung. Das Instrument wurde mit dem Abend und dem frühen Morgen verbunden.
Hier singt ein Instrument, dem dieser Gesang über Jahrhunderte verwehrt war.
Dann kamen die Ventile.
Mit ihnen konnte das Horn plötzlich jeden Ton der chromatischen Skala spielen. Aus dem Instrument der Signale wurde ein Instrument der Melodie. Schumann erkannte seine Möglichkeit sofort. Er gehörte zu jenen Komponisten, die technische Neuerungen nicht bloß als praktische Verbesserung verstanden, sondern als Erweiterung des Ausdrucksraums. Darin lag ein politischer Gedanke: Neue Stimmen sollen ihre eigenen Lieder singen dürfen. Neue Möglichkeiten verlangen nach neuen Inhalten.
Genau das geschieht gleich zu Beginn des Adagio.
Schumann lässt das Horn nicht mit einem Jagdruf auftreten, nicht mit den vertrauten Tönen der Naturtonreihe. Stattdessen beginnt die Hauptmelodie mit chromatischen Fortschreitungen und Halbtonschritten. Solche Linien gelten in der europäischen Musiktradition seit Jahrhunderten als besonders gesanglich, leidenschaftlich und körpernah. Sie gehören zum Vokabular des Begehrens, der Sehnsucht und oft auch der Erotik. Das Horn erscheint hier zu Beginn nicht als Jäger, sondern als Liebender.
Vielleicht erklärt das auch die merkwürdige Karriere des Stücks. Obwohl Schumann es ausdrücklich für Horn und Klavier komponierte, wurde es später immer häufiger von Cellisten übernommen. Heute begegnet man Adagio und Allegro oft als Werk für Violoncello und Klavier, gelegentlich auch für Violine oder Bratsche. Das Cello schien vielen Interpreten der natürliche Träger dieser kantablen, leidenschaftlichen Melodien zu sein.
Doch im Original entfaltet die Musik eine andere Aussage. Denn hier singt nicht ein Instrument, von dem man Gesang ohnehin erwartet. Hier singt ein Instrument, dem dieser Gesang über Jahrhunderte verwehrt war.
