Die Flügel im Reitstadel
Der Konzertsaal im Historischen Reitstadel in Neumarkt hat viele Alleinstellungsmerkmale: So ist er einer der besten Orte zum Hören von Kammermusik in ganz Europa, er liegt mitten in Bayern, am Rand der Oberpfalz und der Metropolregion Nürnberg. Und wenn man so möchte, hat ihn ein Publikum aus der Provinz großgemacht, das von Anfang an, seit 1981, in das musikalische Angebot der Neumarkter Konzertfreunde verliebt war und dafür gesorgt hat, dass der Saal, die Künstler und das Programm – stets auf höchstem Niveau – begeistert angenommen wurden. Inzwischen kommen die Gäste aus allen Teilen Deutschlands zu den Konzerten, die langjährigen Abonnenten aus einem Umkreis von über hundert Kilometern.
Der Konzertsaal im Reitstadel sorgt nicht nur bei Publikum und Künstlern für einmalige Konzerterlebnisse, sondern ist auch ein Garant für ausgezeichnete und zahlreiche Schallplatten- und CD-Aufnahmen von Künstlern aus allen Bereichen der Musik, produziert von namhaften Labels. Dazu trägt in hohem Maße auch die Bestückung mit exzellenten Konzertflügeln bei. Und so wie die Liebhaber der Konzerte der Neumarkter Konzertfreunde von weit her in den Reitstadel kommen, reisen die Pianisten zu den Steinway-Konzertflügeln nach Neumarkt. Vor allem der erste D-Flügel, der sogenannte »Brendel-Flügel«, ist bei vielen Pianisten eine Legende und wird nach wie vor sehr gern gespielt. Er matcht, wie man heute sagt, perfekt mit der Raumakustik und hat so bisher zu wunderbarsten Ergebnissen beigetragen unter den Fingern von Christian Zacharias, Alfred Brendel, Claudio Arrau, Mitsuko Uchida, Gerhard Oppitz, Sir András Schiff, Murray Perahia, Hélène Grimaud, William Youn, Martin Helmchen und noch vielen anderen mehr.
Der Historische Reitstadel war eine Kriegsruine und viele Jahrzehnte standen von diesem historischen Gebäude nur noch die Außenmauern. Als er 1981 wieder aufgebaut und seiner Bestimmung zum Konzertsaal übergeben wurde, stand zunächst ein Steinway-C-Flügel auf seiner Bühne. Dieser C-Flügel war ein sehr gutes Instrument, aber eben kein Instrument für die Dimension des Saals und die Ansprüche der Künstler und des Publikums. Schnell war klar: Es wird ein größerer, ein D-Flügel benötigt und er sollte ebenfalls von dem bis heute führenden Hersteller Steinway kommen. Der große Pianist Alfred Brendel, einer unter den frühen Künstlern im Reitstadel, suchte 1984 im Hamburger Steinway Haus einen Ausnahmeflügel aus. Seit 1985 steht nun dieser »Brendel-Flügel« den Künstlern für Konzerte und Aufnahmen im Reitstadel zur Verfügung. Viel gespielt und sehr geliebt, hat sich nach über dreißig Jahren gezeigt, dass dieser besondere Flügel für seinen zukünftigen Erhalt geschont werden muss. Daher kommt er nur noch für die Steinwaypassenden Kompositionen zum Einsatz, gespielt von ausgesuchten Künstlern. Der »Brendel-Flügel« ist inzwischen in Privatbesitz und wird den Neumarkter Konzertfreunden zur Verfügung gestellt, ebenso wie ein Steinway-B-Flügel zum Einspielen in den Solistengarderoben. Auf Initiative und unter Federführung der Neumarkter Konzertfreunde entschied die Stadt Neumarkt deshalb, einen neuen Flügel zu kaufen: Und die Ansprüche waren hoch! Es sollte nicht einfach ein Steinway-D-Flügel vom Band gekauft werden, sondern wieder das perfekte Instrument für einen perfekten Ort. Aber wie geht das? Ist das Zufall, Glück oder geht das nur, wenn die richtigen »Ohren« bei Steinway ein passendes Angebot vorgestellt bekommen? Es galt, die Perle zu finden. Im September 2015 reiste deshalb eine Findungskommission, bestehend aus dem Pianisten Professor Matthias Kirschnereit, dem Tonmeister und Aufnahmeproduzenten Stefan Reh, dem Klavierbaumeister Leo Niedermeyer, damals der exklusive Hausstimmer für die Neumarkter Reitstadel-Flügel – nachgefolgt von seinem Sohn Christian Niedermeyer – und dem Ehepaar Pfleiderer, als Beauftragte der Stadt Neumarkt, nach Hamburg zum Steinway-Haus. Aus der frischen Produktion wurden zehn Konzert-D-Flügel vorgestellt und der Reihe nach immer wieder im Vergleich getestet. Nach längerem Abwägen fiel die Entscheidung einstimmig auf das Instrument Steinway D-595313. Seit nun acht Jahren ist dieser Flügel ein ebenbürtiger Nachfolger für den »Brendel-Flügel«, allerdings mit anderer Charakteristik als der »noble Herr« aus der 1985er Steinway-Produktion – der mittlerweile Mieteinnahmen durch CD-Einspielungen von etwa einer halben Million Euro in die Kassen der Stadt Neumarkt gespielt hat. Manche, wenige Pianisten bringen auch besondere Modelle oder ihren eigenen Flügel zu Konzerten oder Aufnahmen mit. So spielt Sir András Schiff immer wieder auf seinem eigenen, prächtigen neuen Bösendorfer oder früher auch auf einem Bechstein-Flügel von 1926. Igor Levit nahm seinen Beethoven-Sonaten- Zyklus auf seinem eigenen Steinway auf. Kristian Bezuidenhout spielte das Haydn- Klavierkonzert mit Gli Incogniti und Amandine Beyer auf einem Hammerflügel aus der Werkstatt von Christoph Kern (Staufen), einem Nachbau nach Anton Walter, Wien 1795. Der Tenor Werner Güra nahm mehrmals romantische Lieder mit Christoph Berner auf einem Wiener Friedrich-Ehrbar-Flügel aus dem 19. Jahrhundert auf. Ronald Brautigam wählte für die jüngste Aufnahme der Cellosonaten von Brahms mit Christian Poltéra die Kopie eines Streicherflügels von 1861, der Cellist spielte auf dem berühmten »Mara«- Stradivari von 1710. Durch die einmalige Akustik des Neumarkter Konzertsaals entfalten all diese Instrumente, auch die historischen oder historisch nachgebauten Flügel, ihren besonderen Klang und Charme – und tragen so zum wunderbaren Hörgenuss im Reitstadel bei.






